Der Storch – Symbol des Elsass
Auf Hausdächern, Schildern, Souvenirs und Wappen ist er allgegenwärtig: Der Weißstorch gehört zu den bekanntesten Symbolen des Elsass. Auch als Glücks- und Fruchtbarkeitssymbol ist er tief in regionalen Erzählungen verankert.
Dass Störche heute wieder so selbstverständlich zur Region gehören, war lange Zeit nicht sicher. Während es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Tausende Tiere im Elsass gab, waren 1982 nur noch zwei wild lebende Brutpaare übrig. Bereits 1976 entstand in Hunawihr der damalige Parc des Cigognes, aus dem später NaturOparC hervorging. Ziel war es, den Weißstorch zu schützen und wieder dauerhaft im Elsass anzusiedeln. Das Wiederansiedlungsprogramm konnte 2015 beendet werden, nachdem sich die Bestände erholt hatten.
Heute ist der → NaturOparC in Hunawihr zugleich Tierpark, Beobachtungsort und Naturschutzeinrichtung. Besucher können die Tiere dort aus nächster Nähe beobachten und zugleich mehr über ihre Lebensweise und den Schutz heimischer Arten erfahren.
Der Storch begegnet einem im Elsass aber nicht nur auf Dächern und Wiesen – als Plüschtier gehört er auch zu den beliebten → Mitbringseln aus der Region.
Fachwerkhäuser – Baukultur, die das Elsass bis heute prägt
Bunte Fassaden, sichtbare Holzbalken und oft mehrere leicht vorkragende Geschosse: Fachwerkhäuser gehören zu den Bildern, die viele sofort mit dem Elsass verbinden. Besonders in den historischen Ortskernen prägen sie bis heute das Straßenbild. Doch hinter den dekorativen Fassaden steckt eine Bauweise, die über Jahrhunderte an die vorhandenen Materialien, den knappen Platz in den Städten und die Bedürfnisse ihrer Bewohner angepasst wurde.
Das tragende Gerüst bestand aus Holz, die Zwischenräume wurden je nach Zeit und Region unterschiedlich ausgefüllt – unter anderem mit Lehm und pflanzlichen Materialien. In Soufflenheim lässt sich an erhaltenen Häusern noch nachvollziehen, wie ein Geflecht aus Zweigen als Untergrund für Strohlehm diente und anschließend mit Kalkputz geschützt wurde. Auch einzelne Balken hatten nicht nur eine statische Funktion: Andreaskreuze, Eckpfosten mit Jahreszahlen oder Namen und andere Zeichen konnten zugleich Schmuck und Symbol sein.
Auffällig sind vor allem die auskragenden Obergeschosse, die man an vielen älteren Häusern sieht. Damit ließ sich zusätzlicher Wohnraum gewinnen, ohne die Grundfläche des Hauses entsprechend zu vergrößern – ein wichtiger Vorteil in dicht bebauten Städten. Regional sind auch steuerliche Vorteile dieser Bauweise überliefert, wenn Abgaben an die beanspruchte Grundfläche gekoppelt waren. Eine einfache Regel nach dem Motto „besteuert wurde nur das Erdgeschoss“ würde allerdings zu kurz greifen.
Wie unterschiedlich elsässische Fachwerkarchitektur aussehen kann, zeigen einige besonders bekannte Gebäude. Direkt am Straßburger Münster steht das Maison Kammerzell. Sein steinernes Erdgeschoss stammt aus dem Jahr 1467, während die drei reich geschnitzten und auskragenden Fachwerkgeschosse 1589 unter dem Kaufmann Martin Braun entstanden. Die Fassade mit ihren zahlreichen Fenstern und geschnitzten Ornamenten gehört zu den auffälligsten Beispielen bürgerlicher Renaissancearchitektur in Strasbourg.
In → Colmar ist das Pfisterhaus eines der bekanntesten historischen Bürgerhäuser. Es wurde 1537 errichtet und verbindet noch mittelalterlich wirkende Elemente mit Formen der Renaissance. Besonders ins Auge fallen der zweigeschossige Eckerker, die Holzgalerie, das achteckige Türmchen und die bemalten Fassadenflächen.
Zum elsässischen Fachwerk gehören aber nicht nur die großen Bürgerhäuser in Strasbourg und Colmar. In vielen Dörfern sind bis heute ehemalige Bauern-, Winzer- und Handwerkerhäuser erhalten. Gerade dort zeigt sich, wie unterschiedlich die Bauweise je nach Landschaft, Nutzung und Wohlstand ausfallen konnte.
Einige regionale Besonderheiten entdeckt man erst auf den zweiten Blick. In Soufflenheim wurden beispielsweise wetterexponierte Giebel teilweise mit farbigen oder glasierten Ziegeln verkleidet. Die Töpferstadt verbindet damit zwei typische Seiten des Elsass miteinander: Baukultur und Keramikhandwerk.
Dass heute noch so viele historische Häuser erhalten sind, ist keineswegs selbstverständlich. Vereine, Gemeinden, Museen und private Eigentümer setzen sich seit Jahrzehnten für Restaurierung und Erhalt ein. Besonders anschaulich zeigt das das → Écomusée d’Alsace, in dem gefährdete historische Gebäude abgetragen und wieder aufgebaut wurden. So bleibt nicht nur eine hübsche Fassade erhalten, sondern auch Wissen über Materialien, Bauweisen und das frühere Leben in diesen Häusern.
Töpferhandwerk in Soufflenheim und Betschdorf
Wer im Elsass an traditionelle Keramik denkt, landet schnell bei Soufflenheim und Betschdorf. Beide Orte liegen im Nordelsass und sind seit Jahrhunderten mit dem Töpferhandwerk verbunden. Trotzdem unterscheiden sich ihre Keramiken deutlich voneinander.
In Soufflenheim wird bis heute Ton aus dem Haguenauer Wald verarbeitet. Viele Stücke entstehen noch weitgehend in Handarbeit, werden gedreht, dekoriert, glasiert und anschließend gebrannt. Typisch sind farbenfrohe, oft handbemalte Formen und Terrinen, darunter auch die bekannten Baeckeoffe- und Gugelhupfformen. Mehrere Werkstätten lassen sich besuchen, sodass man den Töpfern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen kann.
Betschdorf steht dagegen für das charakteristische grau-blaue Steinzeug. Die Technik der Salzglasur brachten Töpfer aus dem Westerwald im 18. Jahrhundert mit ins Dorf. Beim Brennen wird Salz in den Ofen gegeben, das mit dem Ton reagiert und eine dichte, glänzende Oberfläche entstehen lässt. Die Gefäße wurden deshalb früher vor allem zur Aufbewahrung von Lebensmitteln genutzt. Noch heute gehört das grau-blaue Steinzeug zu den bekanntesten Erzeugnissen Betschdorfs.
Dass das Töpferhandwerk im Elsass nicht nur bewahrt, sondern weiterentwickelt wird, macht seinen besonderen Reiz aus. Neben traditionellen Formen und Dekoren entstehen heute auch moderne Farben und neue Entwürfe. In Soufflenheim und Betschdorf begegnet man deshalb keinem erstarrten Museums-Handwerk, sondern einer Tradition, die bis heute weiterlebt.
Kelsch und Stickerei – textile Traditionen im Elsass
Rot, blau und weiß, meist kariert oder gestreift: Kelsch gehört zu den traditionellen Textilien des Elsass. Das robuste Gewebe wurde aus Leinen oder Baumwolle hergestellt und früher vor allem für Bettwäsche, Vorhänge und andere Haushaltstextilien verwendet. Im 19. Jahrhundert konnte Kelsch auch Bestandteil der Aussteuer sein.
Zur elsässischen Textiltradition gehört aber nicht nur das Weben. Auch Stickereien und besonders der Kreuzstich spielen bis heute eine Rolle. Ein Ort, an dem diese Handarbeit besonders gepflegt wird, ist Kutzenhausen im Nordelsass. In der Maison Rurale de l’Outre-Forêt werden traditionelle Handwerkstechniken vermittelt und regelmäßig Workshops angeboten. Einmal im Jahr dreht sich beim → Kreuzstich- und Stickereifestival mehrere Tage lang alles um Nadel, Faden und unterschiedliche Sticktechniken.
Kelsch und Stickerei zeigen dabei sehr schön, dass traditionelle Textilkunst im Elsass nicht nur im Museum zu finden ist. Alte Muster und Techniken werden weiterhin verwendet, neu interpretiert und von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Trachten und Hauben – mehr als die große schwarze Schleife
Die große schwarze Schleife gehört heute zu den bekanntesten Bildern des Elsass. Doch die traditionelle Kleidung der Region war wesentlich vielfältiger, als dieses eine Motiv vermuten lässt. Trachten und besonders die Hauben unterschieden sich von Ort zu Ort und konnten Hinweise auf Herkunft, Konfession, Familienstand oder gesellschaftliche Stellung ihrer Trägerin geben.
Neben der Kopfbedeckung gehörten unter anderem Röcke, Schürzen, Mieder, Tücher und aufwendig gearbeitete Stoffe zur Kleidung. Farben, Materialien und Verzierungen konnten unterschiedlich ausfallen – eine einheitliche „elsässische Tracht“ gab es deshalb eigentlich nicht.
Heute begegnet man den historischen Trachten vor allem in Museen, bei Folkloregruppen und zu traditionellen Veranstaltungen. Die berühmte schwarze Schleifenhaube ist dabei zum Symbol für das Elsass geworden – obwohl sie nur einen kleinen Teil der einstigen regionalen Vielfalt repräsentiert.
Elsässisch – vertraut und doch ganz eigen
Wer im Elsass aufmerksam zuhört, dem kommt manches erstaunlich bekannt vor. Wörter und Klang erinnern häufig an süddeutsche oder schweizerische Dialekte – und trotzdem hat das Elsässische seinen ganz eigenen Charakter. Unter dem Begriff werden mehrere regionale Dialektvarianten zusammengefasst, die sich von Nord nach Süd in Aussprache und Wortschatz unterscheiden.
Ein schönes Beispiel ist „Merci vielmol“ – also sinngemäß „Vielen Dank“. Französisches Merci trifft hier ganz selbstverständlich auf das alemannisch klingende vielmol. Gerade für deutschsprachige Besucher macht diese Mischung einen besonderen Reiz aus: Man versteht einzelne Wörter sofort, während anderes völlig ungewohnt klingt.
Auch wenn Elsässisch heute nicht mehr überall selbstverständlich gesprochen wird, begegnet es einem weiterhin im Alltag – auf Schildern, bei Veranstaltungen, in Vereinen oder einfach im Gespräch. Und manchmal reicht schon ein „Merci vielmol“, um zu merken, wie eng im Elsass Sprache und regionale Identität miteinander verbunden sind.
Typisch Elsass – Tradition, die weiterlebt
Viele Dinge, die heute als typisch elsässisch gelten, haben ihre Wurzeln in früheren Jahrhunderten – und sind trotzdem nicht einfach dort stehen geblieben. Fachwerkhäuser werden erhalten und restauriert, Töpfer führen alte Techniken weiter, Kelsch und Stickereien werden neu interpretiert, Trachten bewahrt und Dialekte gepflegt.
Auch der Storch gehört nach seiner erfolgreichen Wiederansiedlung wieder selbstverständlich zum Landschaftsbild. So zeigt sich das Elsass heute als Region, die ihre Traditionen nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu mit Leben füllt.